1. Frage Dr. Simon

Frau Wilhelm, Sie haben Ende vergangenen Jahres eine Befragung bei Ihren Mitarbeitern zur psychischen Gefährdung durchgeführt. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?

 

Antwort Petra Wilhelm

 

Mitarbeiter sind bei ihrer Arbeit unterschiedlichen Beanspruchungen und Belastungen ausgesetzt, die Auswirkungen auf die ARBEITSFÄHIGKEIT  der Mitarbeiter haben können. Die Quellen dieser Belastungen sind Arbeitsinhalte und –aufgaben, die Arbeitsorganisation, die sozialen Beziehungen sowie die Arbeitsmittel und die Arbeitsumgebung. Schlüsselfaktoren der Belastung sind die Arbeitsintensität, die Arbeitszeit, der zur Verfügung gestellte Handlungsspielraum, soziale Beziehungen, insbesondere auch zu Vorgesetzten und die Arbeitsbedingungen.

Die psychische Gefährdungsbeurteilung ermittelt systematisch die Belastungen und bewertet die relevanten Gefährdungen der Beschäftigten, mit dem Ziel, die erforderlichen Maßnahmen für die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter festzulegen.

Die Gefährdungsbeurteilung dient der menschengerechten Gestaltung von Arbeit und hilft, die Arbeitsbedingungen zu beurteilen und ggfs. zu verbessern. Die psychische Gefährdungsbeurteilung ist ein wirkungsvolles Instrument zur Steigerung der Arbeitsfähigkeit und Zufriedenheit der Mitarbeiter!

 

Eine Gefährdungsbeurteilung ist keinesfalls ein Instrument, um psychische Erkrankungen von Mitarbeitern aufzudecken und ist auch kein Hilfsmittel zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern. Der Begriff „psychische Gefährdungsbeurteilung“ ist in meinen Augen daher unglücklich gewählt.

 

 

  1. Frage Dr. Simon

Was hat Sie bzw. die Stadtverwaltung Sonthofen dazu bewogen, eine derartige Befragung durchzuführen?

 

Antwort Petra Wilhelm


Grundsätzlich gibt es die gesetzliche Verpflichtung, eine derartige Befragung durchzuführen. Wir sehen aber vor allem, die Chance für die Stadt Sonthofen, Schwachstellen aufzudecken und zu beheben (auch blinde Flecken zu erheben); dabei sollen Betroffene zu Beteiligten gemacht werden (Einbindung der Mitarbeiter in die Umsetzung/Verbesserung der Ergebnisse).

Für die Stadt Sonthofen wurde in der Befragung eine echte Chance gesehen für tatsächliche Veränderung, die von den Mitarbeitern gewünscht und auch mitgestaltet wird.

 

Darüber hinaus gibt es strategische Ziele, die wir verfolgen: in der aktuellen Situation ist es überlebensnotwendig, für den Erhalt der Arbeitsfähigkeit und für gesunde, zufriedene und motivierte Mitarbeiter zu sorgen. Nur so kann es uns gelingen ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, mit dem sich die Mitarbeiter auch identifizieren!

 

  1. Frage Dr. Simon
  2. Der Gesetzgeber schreibt für die Befragung kein Instrument vor.
    Sie haben sich entschieden mit dem COPSOQ (Copenhagen Psychosocial Questionnaire) als Befragungsinstrument zu arbeiten. Welche Kriterien waren ausschlaggebend für diese Entscheidung?

     

    Antwort Petra Wilhelm

     

    Es gibt insbesondere 3 methodische Ansätze, um die Belastungen der Mitarbeiter mittels Gefährdungsanalyse zu erheben:

    1. Beobachtungen und Beobachtungsinterviews,
    2. moderierte Gruppenverfahren und
    3. die standardisierte Mitarbeiterbefragung.

     

     

    Die Stadt Sonthofen hat sich für letzteres Verfahren entschieden, weil es der Geschäftsführung wichtig war, ein Befragungsinstrument zu finden, welches einfach zu handhaben und gut wiederholbar ist.

    Außerdem sollte es den statistischen Anforderungen entsprechen und wissenschaftlich evaluiert sein. Durch die langjährige Zusammenarbeit mit Frau Dr. Simon als Beraterin im Gesundheitsmanagement war uns das Instrument des COPSOQ bereits sehr gut bekannt.

     

    COPSOQ geht sehr tief, ist breit aufgestellt und zeigt echte Probleme offen auf. Außerdem ist er wissenschaftlich validiert und es gibt hervorragende Vergleiche, auf die jeweils selbe Berufsgruppe und alle Berufe in Deutschland.


    FFWA, Freiburg (Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften GmbH)

     

    1. Frage Dr. Simon

    Wichtig an derartigen Befragungen ist insbesondere, wie es danach weitergeht, sprich: was passiert mit den Ergebnissen? Welchen Weg hat hier die Stadt Sonthofen gewählt und warum?

     

    Antwort Petra Wilhelm

    Wir haben uns für volle Transparenz aller Ergebnisse für alle Mitarbeiter entschieden.

    Das heißt:

    • Präsentation des Gesamtergebnisses durch FFAW zunächst an Geschäftsleitung und Personalrat; dann Präsentation der einzelnen Referatsergebnisse durch FFAW an alle Referatsleiter;
    • Klärungsworkshops mit externer Begleitung auf Führungsebene und danach extern begleitete Workshops in allen Referaten und Fachbereichen: das heißt, alle Mitarbeiter haben die Möglichkeit in 21 Workshops in ihrem Fachbereich Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Situation zu entwickeln!
    • Bei Bedarf ggfs. weitere moderierte Workshops sowie Angebote Coaching und Supervision; parallel läuft die interne Begleitung des Prozesses durch ein internes Projektteam und Beratung durch den Gesundheitsmanager;

     

    Wir haben Querschnittsthemen und Fokusthemen ermittelt: erstere sind Themen, die die gesamte Verwaltung betreffen, wie z. Beispiel Verbesserung der Kommunikation und Führung.

    Diese werden im Hauptreferat mit gebildeten Projektgruppen aufgearbeitet und über die Steuerungsgruppe GEMS verstetigt;

    Focus Themen  dagegen betreffen die jeweiligen Fachbereiche und werden in den Bereichen aufgearbeitet.

    Die Kommunikation findet in Form von Feedbacks über den Stand der Aufarbeitung an den Referatsleiter und über diesen an das Team „Aufarbeitung psychische Gef.“ statt.

    Darüber hinaus werden die Mitarbeiter über alle umgesetzten Maßnahmen über das Intranet regelmäßig informiert; Im Herbst 2022 werden dann alle Ergebnisse und Maßnahmen evaluiert.

     

     

    1. Frage Dr. Simon

    Sie sind noch mitten im Prozess, gibt es etwas, was Sie aus Ihrer Erfahrung bisher an andere Verwaltungen oder auch Unternehmen weitergeben möchten?

     

    Antwort Petra Wilhelm
    Da fallen mir sofort folgende Punkte ein:

    • Gute Aufklärung und Kommunikation in allen Phasen des Prozesses sind immens wichtig.
    • Sehr gutes Briefing aller Führungskräfte ist notwendig, denn die sollten dahinterstehen und ihre Mitarbeiter motivieren, auch mitzumachen
    • Mitarbeiter sollten gut eingebunden werden, denn sie sind die Experten für ihren Arbeitsplatz und ihr Team
    • Es ist eminent wichtig, dass die Themen zeitnah angegangen und bestmöglich umgesetzt werden – ansonsten nehmen die Mitarbeiter nie wieder an einer Befragung teil
      das bedeutet auch, wenn die Dinge nicht umgesetzt werden können, dann sollte diese kommuniziert und begründet werden
    • Widerstände müssen ernst genommen werden

     

    Vielen Dank für dieses offene und aufschlussreiche Interview Frau Wilhelm